“Immer öfter stelle ich mir vor, wie mein Bauch leer bleibt”, schreibt die spanische Autorin Noemí López Trujillo. Mit ihrem Buch “El vientre vacío” (“Der leere Bauch”) über eine in weiten Teilen kinderlose Generation Spanierinnen hat sie eine Debatte in dem Land angestoßen. Die 31-Jährige beschreibt, wie es sich anfühlt, den Kinderwunsch aufgrund der prekären Wirtschaftslage in Spanien auf Eis zu legen. Im Schnitt bekommt eine Spanierin heute 1,3 Kinder, weniger Nachwuchs haben in Europa nur die Malteserinnen. Es sind die Nachwirkungen der Krise, die Spanien 2008 traf und 3,6 Millionen Menschen arbeitslos machte. Obwohl das Bruttoinlandsprodukt 2017 wieder das Vorkrisenniveau erreichte, profitierte die Jugend davon kaum. Vergangenes Jahr waren noch immer ein Drittel aller Spanier unter 25 ohne einen Job.

ZEIT ONLINE: Frau López Trujillo, Der leere Bauch ist ein persönlich motivierter Text. Geht er über Ihr eigenes Empfinden hinaus?

Noemí López Trujillo: Ja, es ist ein Generationenporträt. Es geht um Frauen, die Kinder wollen, es sich aber nicht leisten können, weil sie arbeitslos sind oder nur wenig Geld verdienen. Ich habe viele Interviews geführt, spreche aber auch offen über mein eigenes Leben, meine Wünsche. Es ist die Ungewissheit, die uns Frauen mit Kinderwunsch vereint. Ich nenne es verzögerte oder verwehrte Mutterschaft. Die Wirtschaftskrise hat uns die Zukunft gestohlen.

ZEIT ONLINE: Woher kam die Idee für das Buch?

López Trujillo: 2018 hatte ich eine persönliche Krise, mir ging es sehr schlecht. Im selben Jahr feierten die Politiker und die Medien, dass das Land die Wirtschaftskrise überstanden hatte. Da fragte ich mich zum ersten Mal: An welchem Punkt bin ich in meinem Leben? Welche strukturellen Bedingungen haben mich hierhergebracht? Mir wurde klar, dass es etwas gab, das ich immer wollte, aber noch nicht getan hatte: ein Kind bekommen. Die wirtschaftlichen Umstände hatten alles nach hinten verschoben. Und ich wollte wissen, ob es anderen Frauen meiner Generation genauso ging.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass Sie schon als Kind davon träumten, Mutter zu werden. Woher kommt der frühe Kinderwunsch?

López Trujillo: Die Idee, um als Frau komplett zu sein, müsse man Mutter sein, steckt tief in mir drin. Natürlich ist diese Idee kulturell verwurzelt, auch bin ich von meiner Familie beeinflusst worden, die sich Nachkommen wünscht. Ich empfinde den Kinderwunsch deshalb aber nicht als aufoktroyiert. Es ist mein eigener. Ich möchte keinen leeren Bauch, ich möchte Fortbestand.

ZEIT ONLINE: Sie bezeichnen Ihre Menstruation als Gift, weil sie Sie jeden Monat daran erinnert, dass da noch ein Kind fehlt. Was hielt Sie konkret davon ab, Mutter zu werden?

López Trujillo: Die Unsicherheit. Ich habe erst jetzt – mit 31 Jahren – meinen ersten festen Job. Und wenn ich jetzt Mutter werde, muss ich meine Arbeit zurückstellen. Aber ich möchte nicht auf meine Karriere verzichten. Ein ganzes Jahrzehnt ist verloren. Ich muss also weiter warten und hoffen, dass es irgendwann nicht zu spät ist für meinen Körper.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihr Leben derzeit aus?

López Trujillo: Vor meinem jetzigen Job hatte ich nur temporäre Arbeitsverhältnisse, zwischendurch war ich arbeitslos. Ich wohne alleine in einer 35-Quadratmeter-Wohnung in Madrid, die Miete beträgt 600 Euro ohne Nebenkosten – dazu hat man als Mieter in Spanien kaum Rechte. Die Löhne hier übersteigen kaum 1.000 Euro, ich selbst verdiene nur ein bisschen mehr. Hier könnte ich nicht Mutter werden. Ich habe zwar einen Partner, aber der arbeitet auch viel. In Spanien gibt es keine vernünftige staatliche Unterstützung, damit man Familie und Beruf vereinbaren kann. Wir versuchen nur, irgendwie über die Runden zu kommen.

ZEIT ONLINE: Geht es den anderen Frauen in Ihrem Buch ähnlich?

López Trujillo: Viele sind frustriert. Sie wollen Mütter werden und sehen, dass sie es sich nicht leisten können. Also zögern sie. Eine von ihnen, Barbara, wurde mit 37 gefeuert. Sie war lange Zeit arbeitslos, entschied sich später für die Selbständigkeit. Sie erzählte mir, wie hart sie arbeitete, um eine gewisse Stabilität zu erreichen. Für sie war das die Voraussetzung für ein Kind. Es dauerte aber fünf Jahre, bis sie sich einigermaßen etabliert hatte. Jetzt ist sie 42 und hat immer noch kein Kind. Eine andere Frau, Silvia, kam 2011 aus Frankreich zurück. Seitdem sie wieder in Spanien ist, hatte sie nur befristete Jobs. Obwohl sie wenig Geld verdiente, entschied sie sich für eine teure künstliche Befruchtung. Beim dritten Versuch gelang der Eingriff, Silvia hat jetzt ein Baby. Dafür sind all ihre Ersparnisse weg.

ZEIT ONLINE: Laut Studien bekommen Spanierinnen ihr erstes Kind fünf Jahre später, als sie es eigentlich wollen. Was macht diese Verzögerung – die ja immer auch die Gefahr birgt, dass es irgendwann zu spät ist – mit der Psyche der betroffenen Frauen?

López Trujillo: Ich kann nicht für alle Frauen sprechen. Manche erleben eine Art vorzeitige Trauer, aber wir fühlen uns nicht alle traumatisiert oder unvollständig.

“Ich fühle mich hin- und hergerissen”

ZEIT ONLINE: Ihr Buch erfuhr ein großes mediales Echo und viel Lob. Es gab aber auch Kritik. Warum?

López Trujillo: Manche Menschen wollen nicht wahrhaben, dass die Wirtschaftslage dem Kinderwunsch vieler Spanierinnen entgegensteht. Ich höre immer wieder: Das geht schon, wenn man es wirklich will. Gerade die Frauen aus der Generation meiner Mutter begegnen meinem Buch mit Unverständnis. Sie verstehen unsere “Beschwerde” nicht, sie sagen, dass es hierzulande immer schwer war, Mutter zu sein. Das will ich ja gar nicht abstreiten. Dennoch hat die Krise meine Generation eben nachhaltig verunsichert. In so einer Atmosphäre fällt es schwer, freie Entscheidungen zu treffen.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben Ihre Mutter als eine starke Frau, die Oliven erntete, Hotelzimmer putzte und in einer Fabrik nähte – alles in prekären Arbeitsverhältnissen. Versteht Ihre Mutter Sie oder wirft Sie Ihnen auch vor, zu viel zu jammern?

López Trujillo: Als meine Mutter das Buch las, war sie sehr traurig. Sie wusste nicht, wie viel ich gelitten hatte. Mit meinen Eltern habe ich selten über meine Gefühle gesprochen, weil ich sie nicht kränken wollte. Sie haben ja so hart dafür geschuftet, dass wir ein besseres Leben leben können. Die Wahrheit unserer Generation muss sie enttäuschen.

ZEIT ONLINE: Wenn immer weniger Kinder geboren werden, ist das ja auch ein Problem für die gesamte Gesellschaft.

López Trujillo: Stimmt, für die Regierung ist das definitiv keine gute Nachricht: Der Wohlfahrtsstaat in seiner jetzigen Form braucht Kinder als zukünftige Arbeitskräfte. Die Körper der Frauen dienen seit jeher dem Staat. Die Idee vom Kinderkriegen hat sich zum Glück geändert: Der Feminismus lehrt uns, dass Mutterschaft gewollt sein muss. Wir bekommen Kinder, weil es uns glücklich machen kann. Und nicht, damit die Rente bezahlt wird.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie eine Zukunft ohne Kinder?

López Trujillo: Mich würde eine kinderlose Zukunft nicht beunruhigen, solange die niedrige Geburtenrate auf freie Entscheidungen zurückzuführen wäre. Was ich allerdings befürchte, ist eine Zukunft mit armen Kindern. Schon jetzt leben in Spanien mehr Kinder in Armut als in den meisten anderen europäischen Ländern.

ZEIT ONLINE: Vor ein paar Jahren wurde heftig über das Phänomen “Regretting Motherhood” diskutiert. Was halten Sie davon?

López Trujillo: Ich persönlich fürchte eine andere Art der Reue: ein Kind zu bekommen, das zu einem prekären Leben verdammt ist. Gleichzeitig würde ich es sicher auch bereuen, nicht Mutter geworden zu sein – trotz der ungünstigen Bedingungen. Ich fühle mich hin- und hergerissen.

ZEIT ONLINE: In Spanien boomt die Reproduktionsindustrie. Viele Frauen lassen sich künstlich befruchten, andere lassen ihre Eizellen einfrieren.

López Trujillo: Ja, das Herauszögern der Mutterschaft ist ein riesiges Geschäft. Um die eigenen Eizellen einfrieren zu lassen, muss man in Spanien ungefähr 4.000 Euro bezahlen – was sich viele Frauen gar nicht leisten können. Die Industrie verkauft uns eine heile Zukunft, dabei weiß niemand, ob sich der Kinderwunsch später tatsächlich erfüllen wird. Weil der Wunsch, Mutter zu sein, aber so stark ist, greifen die Frauen zu allen möglichen Mitteln.

ZEIT ONLINE: Gibt es ein Recht darauf, Mutter zu sein?

López Trujillo: Das ist eine schwierige Frage. Ich würde es anders formulieren: Es gibt das Recht auf eine würdige Mutterschaft. Und niemand hat das Recht, uns diese Chance zu nehmen.