Ursache und Wirkung der Geldschwemme

Gastkommentar

Die synthetische Herstellung von Wohlstand – wie die Notenbanken mittels Geldschwemme und Negativzinsen das System unserer Wirtschaft ad absurdum führen

Die Welt der Negativzinsen stellt die Gesetze soliden Wirtschaftens auf den Kopf. Sparen wird nicht länger belohnt, Schuldenmachen aber schon. Die Geldschwemme vernichtet den Nutzen, den sie stiften soll. Statt «schöpferischer Zerstörung» riskiert man lieber den Crash.

Beat Kappeler

Die Negativzinsen stören, verstören Wirtschaft und Gesellschaft seit nun fünf Jahren in der Schweiz, seit sechs Jahren im Euro-Raum. Die Bilanz dieses erstmaligen Experiments ist umstritten, und vorab darf man feststellen: Es ist nicht normal, wenn ein Schuldner noch Geld vom Gläubiger erhält. Alle hochtönenden Begründungen klingen im Publikum hohl. Im Verlauf der Geldgeschichte haben Fürsten immer wieder ihr vorher ausgegebenes Geld «verrufen», also eingezogen und mit geringerem Silbergehalt wieder ausgemünzt. Negative Zinsen heute sind nichts anderes: Die Instanz, welche Geld in die Welt setzt, amputiert dessen Wert nachträglich, zulasten der Wirtschaftsbürger.

Und Geld haben die modernen Notenbanken in Massen in die Welt gesetzt. In der Finanzkrise boten sie den schwankenden Banken Liquidität, weil alle Akteure das Geld abzogen. So wollten es Gesetz und Statuten, doch die Notenbanken hörten nachher, ab 2009, damit nicht auf. Denn die Staaten hatten Banken übernommen oder ausfinanziert, hatten selbst enorme neue Defizite auf die bereits grossen, alten Schulden gehäuft. Die Zinsen dafür wären unbezahlbar geworden, oder alle Schuldner, öffentliche wie private, hätten sparen und abzahlen müssen. Eine «balance sheet recession» hätte die Schulden beheben können, erschien aber den überschuldeten Wohlfahrtsstaaten bereits damals unzumutbar. Die amerikanische, die europäische und die japanische Zentralbank kauften daher Staatspapiere in enormen Mengen auf, setzten damit neues Geld ins Bankensystem, welches die Papiere andiente. Die Schuldner – Staaten, Unternehmen, Haushalte – bekamen Luft in Form neuer Liquidität. Die Folge: Heute sind deren Schulden zusammen und weltweit doppelt so hoch wie vor zehn Jahren, als die Notenbanken das Problem mit Gelddrucken zu umgehen hofften.

Wer braucht das neue Geld?

Aufgebläht sind nun die Einlagen der Banken bei den Notenbanken – sie brauchten das neue Geld gar nicht. Um den Franken zu drücken, kaufte die Nationalbank von den Banken nicht Anleihen, sondern Dollar und Euro. Auch auf den Girokonten der Banken bei der SNB liegen nun 505 Milliarden Franken, so viel, wie alle Einwohner im Jahr konsumieren. Im Euro-System liegen gut 2000 Milliarden Euro, ebenfalls unbenutzt. Mit den negativen Zinsen, also mit drohender Amputation, versuchen nun die Zentralbanken, dieses Geld in die Volkswirtschaft zu scheuchen. Die SNB verlangt 0,75 Prozent, die EZB 0,5 Prozent negative Zinsen.

Die Abrissbirne der Notenbanken zertrümmert drei Säulen der Zivilisation – Staatsbonität, Regelvertrauen und Geldwert.

Das stellt natürlich Gewinner gegen Verlierer; alle argumentieren mit Zahlen. Gewinner ist – für die Schweiz – zuerst einmal die SNB mit gut 2 Milliarden abgeschöpften Zinsen im Jahr. Bezahlt haben dies zuerst die Banken, doch wenn sie es den Kunden überwälzen, gewinnen auch sie. Der Pensionskassenverband spricht von 40 Milliarden flüssiger Bankeinlagen der Kassen, welche demnach 300 Millionen einbüssen. Das trifft die Jungen, welche die Löcher stopfen müssen. Die Privatversicherer richten ihren Kunden weniger aus, und klagen weniger offen. Auch die Postfinance vermeidet klare Angaben – eine Omertà angesichts der mächtigen SNB?

Aber die Flurschäden liegen anderswo – in der Volkswirtschaft. Die negativen Zinsen sind nur das untere Ende einer durch die massive Geldinfusion gestörten Zinslage aller Ebenen. Negative Zinsen können nun auch halbwegs solide Staaten, Firmen verlangen, wenn sie Obligationen ans Publikum verkaufen. Über 11 000 Milliarden solcher Schulden wurden den Anlegern angedient, weil sonst die Banken ihre Bareinlagen amputieren. Die Negativzinsen der Notenbanken stellen die untere Grenze für den Fall dieser anderen Schuldpapiere ins Negative dar. Und für die Notenbanken liegt die Grenze, wie weit sie die Zinsen absenken können, bei der Ausweichmöglichkeit in bare Noten. Diese beginnen schon viele Sparer, Pensionskassen, Firmen in Tresore zu stecken. Nur Bargeldverbote oder Gebühren für Bezug und Rückgabe von Noten könnten dies bremsen – doch dann käme wohl der Aufstand. Der römische Kaiser Maximinus Thrax lag im Jahr 238 erstochen da, weil er zuerst das Geld inflationierte und es dann selbst nicht mehr für die Steuern annehmen wollte.

Die Sparer als Verlierer

Doch nicht nur die Schuldzinsen privilegierter Schuldner kippten ins Negative, sondern alle Zinsen tendieren wegen der Geldschwemme gegen null. Diese übrigen Gewinner und Verlierer können beziffert werden, wenn man behelfsmässig einen zusätzlichen Zins von 2 Prozent unterstellt, der sonst gelten würde (ein halbes Prozent Inflation plus Ertrags- und Risikozuschlag). Damit sparen in der Schweiz die Hypothekarschuldner auf 1070 Milliarden um die 20 Milliarden im Jahr, andere Kreditnehmer 12 Milliarden, die öffentlichen Schuldner 4 Milliarden. Hingegen verlieren die Sparer und Bankeinleger auf ihren 1500 Milliarden 30 Milliarden, auf Obligationen und Pfandbriefen von 400 Milliarden um die 8 Milliarden. Das soll behelfsmässig den Zahlenbeweis stützen.

Doch in der weiteren Volkswirtschaft sind die Schäden weniger bezifferbar, aber real. Die Preise für Immobilien stiegen in der ganzen westlichen Welt auf oft unerschwingliche Höhen. Dies kompensiert die Billigzinsen sofort wieder. Die Kurse der Aktien und Obligationen wurden auf bedenkliche Niveaus katapultiert. Sie verzerren die Vermögensverteilung – wer hatte, dem wurde gegeben, und nicht zu wenig. Seit der Erholung nach der Finanzkrise 2011 stieg der Börsenwert europäischer und schweizerischer Aktien auf ungefähr das Doppelte.

Schon im 18. Jahrhundert sah der Ökonom Richard Cantillon, dass viel neues Geld zuerst das Finanzsystem aufheizt. Schwer wiegt auch, dass heute das viele Geld sogar das Gegenteil von dem bewirkt, was die Notenbanken intendiert haben. So wollten sie die Konjunktur andrehen – diese stieg seit 1945 nie so langsam an wie nach 2009. Weiter behaupten sie, die Leute sparten zu viel und sässen auf dem Geld. Doch nun sparen beispielsweise Deutsche und Dänen mehr, weil sie keine Zinsen auf den Ersparnissen bekommen. Die Notenbanken wollten – erstaunlicherweise – Inflationsraten von 2 Prozent züchten: Sie scheiterten, unter anderem weil die extrem niedrigen Zinskosten den Firmen die Kosten senken und weil Firmen im Markt bleiben, die längst verschwinden sollten – Zombie-Firmen.

Das drückt die Preise. In Deutschland und Frankreich fielen die Konkurse seit sechs Jahren um zirka 25 Prozent, in ganz Europa um einen Zehntel. Die Bereinigung durch «schöpferische Zerstörung» setzt aus. Dies aber fordert die österreichische Schule der Nationalökonomie. Sie stellt auch fest, dass Kapital nicht Kapital ist, sondern es verschiedene Qualitäten davon gibt – richtig oder falsch verwendetes, Kapital am falschen Ort. Die vielen Baukrane Europas zeigen es. Doch der Markt, die «unsichtbare Faust», frei nach Adam Smith, soll darüber entscheiden, nicht die blassen Notenbankökonomen.

Wie unter einem Vergrösserungsglas zeigte Anfang Februar der reichste Europäer, Bernard Arnault vom Luxuskonzern Louis Vuitton, wie der Negativzins die Vermögen konzentriert und Kapital fehlleitet. Er will die amerikanische Tiffany-Kette übernehmen und finanziert grosse Teile der dazu aufgenommenen Schulden von 10 Milliarden Euro zu negativen Zinsen. Die Gläubiger, Sparer, Pensionskassen zahlen ihm den Raub. Zu fast keinen eigenen Zinskosten wird ihm Tiffany aber einen Reingewinn von fast 600 Millionen Dollar im Jahr abwerfen. Die Agentur Bloomberg kommentierte, «it’s just a shame», auch dass damit nur Kapital herumgeschoben, kein neues gebildet werde.

Es schwingt die Abrissbirne

Die deutsche Vertreterin im Rat der EZB, Isabel Schnabel, verteidigte im Februar mit schwachen Argumenten die Negativzinsen. Einer ihrer Hauptpunkte war verräterisch: Der deutsche Staat habe seit 2014 nun 400 Milliarden Zinskosten gespart. Doch Frankreich und Italien haben gleich viel Staatsschulden, die aber relativ zum Sozialprodukt stärker auftragen und höher zu verzinsen wären. Also hat ihnen die EZB um 500 bis 600 Milliarden Zinskosten erspart. Ihre Schulden wären heute um einen Viertel höher, also 125 Prozent des Inlandprodukts für Frankreich und 165 Prozent für Italien. Kurz, sie wären bankrott.

Isabel Schnabel hat es indirekt enthüllt, der Kaiser ist nackt. Die ganze Geldschwemme der Notenbanken, mit ihren wechselnden Begründungen (Bankenrettung, Konjunkturstimulierung, Euro-Rettung, Inflation, neuerdings Klima) muss bloss die Staaten finanzieren, soll brüskes Sparen unnötig machen. Die Fiskalpolitik ist monetisiert, die Politiker sind entlastet. Und alle freuen sich: vollbeschäftigte Arbeitnehmer, billigst finanzierte Firmen, Hausbesitzer, durchfinanzierte Staatsbudgets, Anleger mit Traumkursen. «Synthetische Herstellung von Wohlstand» nennt ein Finanzspezialist dies. Und jetzt stimmt, was die Notenbanker sagten – es ist alternativlos.

Angesichts ihres Scheiterns drehten sie im Herbst 2019 den Geldhahn erneut auf. Aber jeder neue Euro oder Dollar bewirkt weniger, der Grenzertrag sinkt. Die Geldmasse liegt brach. Die Umlaufgeschwindigkeit sinkt. Die Wissenschaft definiert die Geldmenge als Geldmasse mal Umlauf. Auch dies scheitert also.

Sollten diese Geldmassen dereinst, wunschgemäss, die Wirtschaft überschwemmen, müssten die Notenbanken Regeln brechen: die Gelder amputieren, einfrieren, Verwendungsarten verbieten. Oder eine Inflation, später den Crash riskieren.

Die Politik schweigt weitgehend zur Geldexpansion, zerstört aber in Europa das Marktsystem ihrerseits durch hastige Korrekturen: Steuern auf Vermögen, auf Finanztransaktionen, Mietkontrollen, Gunstbeweise für Banken ohne Zinsmarge, höhere Umverteilungen. Doch die wirkliche Abrissbirne schwenken die Notenbanken. Sie sind dabei, drei Säulen der Zivilisation zu zertrümmern – Staatsbonität, Regelvertrauen und Geldwert.

Beat Kappeler ist Ökonom und Buchautor. Sein Buch «Staatsgeheimnisse. Was wir über unseren Staat wirklich wissen sollten» ist 2016 bei NZZ Libro erschienen.

Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/die-perverse-welt-der-negativzinsen-ld.1544388 geladen am 16.03.2020

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